Kunst im Blick

Dr. Verena Titze-Winter

Dr. Vere­na Titze-Win­ter
Lei­te­rin der SV Kunst- und Kulturförderung

Ein Inter­view von Hel­mut Pla­te  mit  Dr. Vere­na Titze-Win­ter, Lei­te­rin der SV Kunst- und Kulturförderung.

[Chef]
Ein Inter­view: Hel­mut Pla­te, K=K & Dr. Vere­na Titze-Win­ter, Lei­te­rin der SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung (Abb. Porträtfoto)
Ein Inter­view von
Hel­mut Pla­te von K=K mit Dr. Vere­na Titze-Win­ter, Lei­te­rin der SV Kunst-
und Kul­tur­för­de­rung (Abb. Porträtfoto)

Die SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung in ihrer heu­ti­gen Form gibt es seit 1992 und sie basiert auf sechs För­der­säu­len. Der ers­te Pfei­ler ist die För­de­rung gro­ßer Kunst­pro­jek­te und Aus­stel­lun­gen. Dar­un­ter fal­len lang­jäh­ri­ge oder ein­ma­li­ge Koope­ra­tio­nen mit Muse­en, Kunst­ver­ei­nen oder Städ­ti­schen Gale­rien. Als Zwei­tes unter­stützt die SV zahl­rei­che Pro­jek­te im Ver­bund mit der Spar­kas­sen-Finanz­grup­pe, so z. B. in Kas­sel die docu­men­ta oder in Nord­hes­sen das Wil­lings­häu­ser Künst­ler­sti­pen­di­um. Die drit­te För­der­säu­le steht für die Aus­schrei­bun­gen von Kunst­prei­sen und Arbeits­sti­pen­di­en. Des Wei­te­ren orga­ni­siert die SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung jähr­lich kon­zern­ei­ge­ne Aus­stel­lun­gen im SV Kunst­foy­er am Stand­ort Stutt­gart und der SV Atri­um­Ga­le­rie am Stand­ort Wies­ba­den. Das fünf­te För­der­pro­gramm umfasst die Spen­den an sozia­le, päd­ago­gi­sche, kari­ta­ti­ve und öko­lo­gi­sche Pro­jek­te und wird orga­ni­siert von Frau Sabi­ne Rom­in­ski. Jedes Jahr wird ein neu­er Schwer­punkt fest­ge­legt, zu dem Insti­tu­tio­nen eigens recher­chiert und geför­dert wer­den. Die sechs­te För­der­säu­le beschreibt das SV/ART-regio För­der­pro­gramm, gelei­tet von Herrn Dr. Rolf Luhn, das spe­zi­ell im länd­li­chen Raum des gesam­ten SV Geschäfts­ge­bie­tes jähr­lich 50 Aus­stel­lun­gen fördert.

Seit mehr als 25 Jah­ren ist die SV Spar­kas­sen­Ver­si­che­rung (SV) ein star­ker ideel­ler und finan­zi­el­ler Part­ner für zahl­rei­che Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen und Künst­ler der Bil­den­den und Ange­wand­ten Kunst in den Regio­nen des SV Geschäfts­ge­bie­tes von Baden-Würt­tem­berg, Hes­sen, Thü­rin­gen und in Tei­len von Rhein­land-Pfalz mit den Stand­or­ten Stutt­gart, Karls­ru­he, Mann­heim, Wies­ba­den, Kas­sel und Erfurt.

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Fragen
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Antworten

1.

Hel­mut Plate:

Die Lis­te Ihrer För­der­ak­ti­vi­tä­ten ist lang und erstreckt sich auf die ver­schie­den­ar­tigs­ten Initia­ti­ven. Ver­lie­ren Sie da nicht manch­mal den Über­blick?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Manch­mal sind es viel­leicht ein paar sehr vie­le Namen (lacht), aber mit zahl­rei­chen För­der­part­nern gibt es kon­ti­nu­ier­li­che Koope­ra­tio­nen, so dass man sich kennt. Das macht die Zusam­men­ar­beit sehr per­sön­lich und ange­nehm. Und neue Kon­tak­te mer­ke ich mir schnell, vor allem wenn es inhalt­lich span­nen­de Umset­zun­gen gibt. Mit den sechs För­der­säu­len haben wir eine kla­re Struk­tur, so dass wir die unter­schied­li­chen Insti­tu­tio­nen, Künst­ler, Ansprech­part­ner und Kol­le­gen im gan­zen Geschäfts­ge­biet sehr gut ein­ord­nen kön­nen. Wir arbei­ten in einem Drei­er-Team und tei­len uns die Auf­ga­ben auf. Einen über­sicht­li­chen Ein­blick mit Bei­spie­len dazu fin­den Sie auf unse­rer Home­page:
www.sparkassenversicherung.de/kulturfoerderung

2.

Hel­mut Plate:

In wel­chen Spar­ten enga­giert sich die SV Spar­kas­sen­Ver­si­che­rung und wie ist die Gewich­tung?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Der Schwer­punkt unse­rer SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung, die es seit mehr als 25 Jah­ren im Raum Hes­sen und Thü­rin­gen in die­ser Form gibt, ist die För­de­rung der Bil­den­den und Ange­wand­ten Kunst. Man kann sagen, dass 80% der Anfra­gen aus der Spar­te Kunst kom­men. Wir unter­stüt­zen aber auch die Musik, Fes­ti­vals, das Thea­ter und den Tanz, die neh­men jedoch nicht mehr als 20% im Spon­so­ring ein. In Kas­sel haben wir eini­ge lang­jäh­ri­ge Part­ner­schaf­ten wie z. B. den Kul­tur­som­mer Nordes­sen, die KHS, den BBK, die Cari­ca­tu­ra oder die Kas­se­ler Musik­ta­ge sowie alle fünf Jah­re die docu­men­ta GmbH.

Kul­tur­som­mer Nord­hes­sen, Rein­hards­wald bei Hof­geis­mar, Foto Hei­ko Meyer

3.

Hel­mut Plate:

Ihr Job klingt nach viel Ver­wal­tungs­ar­beit. Macht Ihnen ihr Job den­noch Freu­de?
Ler­nen Sie Künst­ler, die sie för­dern, auch per­sön­lich ken­nen?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Ich habe zuvor sie­ben Jah­re als Kura­to­rin erst in einem Stadt­mu­se­um, dann in einem pri­va­ten Kunst­mu­se­um und anschlie­ßend in einem Kunst­ver­ein gear­bei­tet. Ich ken­ne die Hür­den und auf­wen­di­gen För­der­an­trä­ge, die gestellt wer­den müs­sen, um Aus­stel­lun­gen zu finan­zie­ren oder Equip­ment anzu­kau­fen. Inso­fern freue ich mich, mit der SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung finan­zi­ell und auch bera­tend hel­fen zu kön­nen. Vie­le Part­ner tref­fe ich per­sön­lich. Auf­grund der Aus­schrei­bun­gen von Sti­pen­di­en und Kunst­prei­sen bin ich zudem als Juro­rin tätig. Anschlie­ßend ver­su­che ich, die Künst­ler in ihren Ate­liers zu besu­chen. Das funk­tio­niert zwar nicht immer, auf­grund des gro­ßen Geschäfts­ge­bie­tes, aber doch häu­fig. Auch orga­ni­sie­ren wir an unse­ren Stand­or­ten Aus­stel­lun­gen, in denen die Wer­ke der Preis­trä­ger gezeigt wer­den. Zum Bei­spiel erhiel­ten auf der 1. Kunst­mes­se Kas­sel 2014, orga­ni­siert vom BBK Nord­hes­sen, das Künst­le­rin­nen­duo Vidal & Groth ein 6‑monatiges Arbeits­sti­pen­di­um. Die Ergeb­nis­se haben wir dann in Wies­ba­den gezeigt. Inso­fern fin­det ein reger und auch oft akti­ver Aus­tausch statt.

Vidal & Groth, Seen from a far distance Nr.7, Male­rei, Col­la­ge, 2015

4.

Hel­mut Plate:

Die SV Spar­kas­sen­Ver­si­che­rung ver­steht sich als „Cor­po­ra­te Citi­zens“ und somit als gesell­schaft­li­cher Akteur und möch­te gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung über­neh­men, am liebs­ten im regio­na­len Bereich. Wel­che Anrei­ze bringt es, in Kul­tur zu inves­tie­ren bzw. wel­che Phi­lo­so­phie ver­birgt sich hin­ter dem Enga­ge­ment
der SV Spar­kas­sen­Ver­si­che­rung?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Der SV ist es sehr wich­tig, die kul­tu­rel­le Infra­struk­tur im länd­li­chen Raum zu unter­stüt­zen. Im Übri­gen nicht nur im kul­tu­rel­len, son­dern auch im sozia­len Bereich und im Sport. Eine nach­hal­ti­ge För­de­rung führt zu Kon­ti­nui­tät und Auf­recht­erhal­tung der kul­tu­rel­len Infra­struk­tur und damit zu den typi­schen regio­na­len Beson­der­hei­ten. In den Gemein­den gibt es oft klei­ne­re, aber nicht weni­ger bedeut­sa­me Initia­ti­ven, die erhal­ten wer­den soll­ten. Gera­de abseits der Groß­städ­te för­dern wir nach der Phi­lo­so­phie In der Regi­on, aus der Regi­on, für die Regi­on. Unser SV/ART-regio För­der­pro­gramm unter­stützt so Aus­stel­lun­gen z.Bsp. im Esch­we­ger Kunst­ver­ein, in Bad Arol­sen oder die Kunst­sta­ti­on Klein­sas­sen in der Rhön. Zudem sind unse­re SV Gene­ral­agen­tu­ren die Ansprech­part­ner vor Ort, die sich mit den Men­schen ver­bin­den und so geben wir unse­ren Kun­den durch För­de­rung von Kul­tur und Sport etwas zurück.
Ohne­hin hat die SV schon seit vie­len Jah­ren ihre mit­tel- und lang­fris­ti­ge unter­neh­me­ri­sche Stra­te­gie auf Res­sour­cen­scho­nen­des Han­deln im Sin­ne der gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung ange­legt. Wir haben eine eige­ne Abtei­lung für die öko­no­mi­schen und öko­lo­gi­schen The­men der Nach­hal­tig­keit. Übri­gens hat die SV im Jahr 2020 eine voll­stän­di­ge nach­hal­ti­ge Unter­neh­mens­füh­rung erreicht und arbei­tet seit­her klimaneutral.

SV/ART-regio, Skup­tu­ren von Wal­ter Sachs, Bad Arol­sen, 2021, Foto Frank Hellwig

5.

Hel­mut Plate:

Wel­che Unter­schie­de sehen Sie zwi­schen den Städ­ten und Regio­nen?
Und wel­che Her­aus­for­de­run­gen kön­nen sie zugleich fest­stel­len?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Dem länd­li­chen Raum wird oft vor­ge­hal­ten, Neue­run­gen mit Skep­sis zu begeg­nen. Wir haben in Thü­rin­gen seit vier Jah­ren ande­re Erfah­run­gen gemacht. Zusam­men mit der Spar­kas­sen-Kul­tur­stif­tung Hes­sen-Thü­rin­gen und den ört­li­chen Spar­kas­sen ver­ge­ben wir drei Sti­pen­di­en im länd­li­chen Raum. Mit dabei sind Orte mit manch­mal nur 500 Ein­woh­nern. Oft sind es par­ti­zi­pa­ti­ve Pro­jek­te, die die Künst­ler in eine Gemein­de ein­brin­gen und die Men­schen vor Ort begeis­tern. Das pas­siert auch in der Stadt, aber die Sicht­bar­wer­dung und Nach­hal­tig­keit ist eine ande­re, weil die Quan­ti­tät des Ange­bots auf dem Land gerin­ger ist. Etwas ähn­li­ches pas­siert auch in Wil­lings­hau­sen in der Schwalm mit dem dor­ti­gen Künst­ler­sti­pen­di­um. Eine Her­aus­for­de­rung ist oft die länd­li­che Infra­struk­tur, sowohl für die Künst­ler als auch die Men­schen, weil zum Bei­spiel kein WLAN vor­han­den ist oder es kei­nen Anschluss an das öffentl. Ver­kehrs­netz gibt, weil nur ein­mal am Tag ein Bus fährt.

Emi­lia Neu­mann, Aus­stel­lungs­an­sicht Milieu und Fazi­es, Kunst­hal­le Wil­lings­hau­sen, 2019, 49. Stipendiatin

6.

Hel­mut Plate:

Sie unter­stütz­ten seit Jah­ren vie­le Kunst- und Kul­tur­in­itia­ti­ven und ‑pro­jek­te
in Kas­sel und Nord­hes­sen. Wird die freie Sze­ne in der SV Kul­tur­för­de­rung berück­sich­tigt?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Die freie Sze­ne ist für uns sehr wich­tig, weil sie die qua­li­ta­ti­ve Viel­sei­tig­keit enorm erhöht und Mög­lich­kei­ten für außer­ge­wöhn­li­che Pro­jek­te bie­tet, die viel­leicht in einem Muse­um nicht umzu­set­zen sind. Zudem ist sie Aus­gangs­punkt vie­ler Krea­ti­ver, um sich aus­zu­pro­bie­ren oder neue For­ma­te zu ent­wi­ckeln. In Kas­sel wer­den wir im kom­men­den Jahr wie­der das HUGENOTTENHAUS mit sei­ner drit­ten Aus­stel­lung „Dop­pel­zim­mer“ unter­stüt­zen. Wir hat­ten bereits den Start­schuss 2019 mit „freie Zim­mer“ geför­dert. Auch haben wir zum Bei­spiel 2018 und in die­sem Jahr die Kas­se­ler Mit­ein­an­der Com­pa­ny unter­stützt. In 2021 för­dern wir das Jubi­lä­um 25 Jah­re Kul­tur­bahn­hof Kas­sel, der mit sei­nen ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen ein ganz wich­ti­ges Bei­spiel für die freie Sze­ne in Kas­sel bildet.

Mit­ein­an­der Com­pa­ny, Svet­la­na Smer­tin und Ser­ja Ves­te­ri­nen, Bild­pro­jekt auf dem Dach von GRIMMWELT Kas­sel, 2018, © Ali­na Walter

7.

Hel­mut Plate:

Kommt es zur kon­kre­te­ren Zusam­men­ar­beit mit Künst­lern?
Wel­ches war für Sie per­sön­lich das span­nends­te Pro­jekt und wie beglei­ten Sie sol­che Pro­zes­se?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Ja und das ist für mich immer ein wich­ti­ger und berei­chern­der Aspekt. Spe­zi­ell in Kas­sel haben wir 2017 ein Ver­Wer­tungs-Pro­jekt gestar­tet, um die alten Leucht­buch­sta­ben der Brand­kas­se Kas­sel vom Hoch­haus in der Köl­ni­schen Stra­ße in ein Kunst­werk umzu­wan­deln. Zusam­men mit der Kunst­hoch­schu­le Kas­sel, deren Rund­gang wir jähr­lich för­dern, haben wir eine Aus­schrei­bung mit Prof. Bern­hard Bal­ken­hol umge­setzt. Den Zuschlag erhielt der Künst­ler Ste­fan Gey­er mit sei­ner Licht­skulp­tur UNTITLED (con­ver­si­on), die Sie nun am Fuße des Hoch­hau­ses sehen kön­nen und die nachts in wech­seln­dem Licht leuch­tet. Übri­gens haben wir sie am 27. April 2017 zum 250-jäh­ri­gen Bestehen der Brand­kas­se Kas­sel, der heu­ti­gen SV, fei­er­lich ein­ge­weiht. Die gan­ze Zusam­men­ar­beit war sehr inten­siv. Wir haben dem Künst­ler sogar ein Ate­lier in Ber­lin ange­mie­tet, damit er genü­gend Platz zum Arbei­ten hatte.

Ste­fan Gey­er, untit­led (con­ver­si­on), Leucht­buch­sta­ben, 2017, Foto Jens Distelberg

8.

Hel­mut Plate:

Was kann die Wirt­schaft von Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­den ler­nen?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Kunst und Kul­tur sind ein enorm wich­ti­ger Bestand­teil der Wirt­schaft und Indus­trie. Nicht nur, um gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment zu leis­ten, son­dern um Din­ge von einer ande­ren Sei­te zu betrach­ten und Dis­kur­se zuzu­las­sen. Kul­tur bil­det und pro­du­ziert immer wie­der neue Ansich­ten. In Mann­heim ist im letz­ten Jahr ein neu­es Büro­ge­bäu­de für die SV Mit­ar­bei­ter ent­stan­den. Im Ein­gangs­be­reich haben wir neue Kunst­wer­ke von dem Bild­hau­er Hans Schü­le und von dem Maler Hol­ger Schmid­hu­ber expli­zit für die­se Ein­gangs­si­tua­ti­on in Auf­trag gege­ben. Eine gro­ße Boden­ar­beit von Schmid­hu­ber bil­det ein Tep­pich mit der Auf­schrift TRANSFORM, der unter der Sitz­grup­pe für die war­ten­den Besu­cher liegt. Ich bin der Mei­nung, dass Kunst in Unter­neh­men eine wich­ti­ge Funk­ti­on hat. Erst kürz­lich hat mir ein Kol­le­ge wie­der ein gutes Zitat von Paul Valé­ry vor Augen geführt: „I am enri­ched by the per­son who enables me to see some­thing quite dif­fe­rent from what I see every day.“

SV-Mann­heim, Hol­ger-Schmid­hu­ber, TRANSFORM (Car­pets of the For­got­ten) 2020, 325 x 461 cm, Misch­tech­nik auf Orientteppich

Hans Schü­le, Stri­pe, 2021, 80 x 250 cm

9.

Hel­mut Plate:

Das lässt ver­mu­ten, dass die SV auch Kunst­wer­ke ankauft. Wie umfang­reich ist die­se Samm­lung? Gibt es Wer­ke renom­mier­ter Künst­ler, die Sie beson­ders her­vor­he­ben wür­den?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Ja, wir kau­fen immer wie­der Kunst­wer­ke an. Aller­dings sehr ein­ge­schränkt und aus­schließ­lich von Künst­lern, die wir för­dern. Oft­mals ver­bin­den wir die­sen Ankauf mit einer Aus­stel­lung an unse­ren Stand­or­ten. Die SV Kunst­samm­lung umfasst aktu­ell 1.826 Kunst­wer­ke und basiert auf den letz­ten 50 Jah­ren. In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren haben wir alle Wer­ke neu erfasst und begut­ach­tet. Es war span­nend, die Hete­ro­ge­ni­tät unse­rer Samm­lung mit ihren sehr unter­schied­li­chen Aus­rich­tun­gen auf­zu­ar­bei­ten. Jeder SV Stand­ort hat gesam­melt und damit eine eige­ne His­to­rie und einen eige­nen Schwer­punkt auf­ge­baut. In den letz­ten Jah­ren kamen jun­ge Künst­ler dazu, wie Enri­co Frei­tag, Cosi­ma Göp­fert, Hen­ri­et­te Krie­se oder Vidal & Groth. Renom­mier­te Künst­ler sind z.Bsp. Johan Hein­rich Tisch­bein d. Ä., Oskar Schlem­mer, Fritz Win­ter, Otto Pie­ne oder auch Andy War­hol, des­sen Werk seit den 1980ern als Dau­er­leih­ga­be in der Neu­en Gale­rie in Kas­sel hängt.

Cosima-Göpfert,-GROBE-MASCHE-III,-2017,-Glasiertes-Porzellan-auf-pigmentiertem-MDF,-84-teilig,-75-x-75-cm

10.

Hel­mut Plate:

Als Dau­er­leih­ge­ber von wich­ti­gen Gemäl­den wie das Bild „Por­trät Joseph Beuys“ von Andy War­hol sind Sie in engem Aus­tausch mit der Muse­ums­land­schaft Hes­sen-Kas­sel oder ande­ren Muse­en. Wie muss man sich die­sen Aus­tausch vor­stel­len?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Ganz unkom­pli­ziert. Es gibt den übli­chen Leih­ver­trag, der alle Jah­re ver­län­gert wer­den kann. Wir sind froh, wich­ti­ge Kunst­wer­ke in den Muse­en zu wis­sen, damit sie gese­hen wer­den kön­nen. So ste­hen wir in zeit­li­chen Abstän­den in einem guten Aus­tausch mit­ein­an­der und lei­hen Kunst­wer­ke aus. 2019 zum Bau­haus­ju­bi­lä­um haben wir ein Reli­ef von Oskar Schlem­mer an die Kunst­samm­lung Gera aus­ge­lie­hen und 2021 steht ja eine gro­ße Arnold Bode Aus­stel­lung an. Wer weiß, viel­leicht sind wir als Leih­ge­ber hier eben­falls aktiv.

Oskar Schlem­mer, Reli­ef H, 1919, Nach­guss 1963, Alu­mi­ni­um, Foto Oli­ver Willikonsky

11.

Hel­mut Plate:

Die CORO­NA-Zeit hat ja mehr und mehr zu einem Erlie­gen von Kunst- und Kul­tur­ak­ti­vi­tä­ten geführt. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat dies auf Ihre Arbeit?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Auch wir haben die Ver­än­de­run­gen deut­lich zu spü­ren bekom­men. Nach nun­mehr einem Jahr der Pan­de­mie sind die Pro­gno­sen für die kom­men­den Mona­te noch immer unge­wiss. Vie­le Fes­ti­vals wur­den von 2020 in die­ses Jahr ver­scho­ben und mit­un­ter erneut ein zwei­tes Mal nach 2022 ver­scho­ben. So sind auch wir am Umstruk­tu­rie­ren und leis­ten wo es mög­lich ist Spen­den, um die krea­ti­ve Sze­ne zu för­dern. Zudem besteht ein gro­ßes Inter­es­se an einem inten­si­ven und mei­nes Erach­tens wirk­lich nach­den­ken­den Aus­tau­sches. Mei­ne Auf­ga­be hier­bei ist es, vor allem neue Über­le­gun­gen mit zu rea­li­sie­ren und ins­be­son­de­re finan­zi­el­ler Unter­stüt­zer zu blei­ben, selbst wenn Aus­stel­lun­gen oder Kon­zer­te nicht statt­fin­den können.

12.

Hel­mut Plate:

Den­ken Sie über neue Stra­te­gien der Kul­tur­för­de­rung nach?
Wel­che neu­en For­ma­te der kul­tu­rel­len Teil­ha­be sind nach der Erfah­rung mit Coro­na erfor­der­lich?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Zum jet­zi­gen Zeit­punkt fin­de ich es noch zu früh, um grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen oder neue Stra­te­gien sei­tens der Kul­tur­för­de­rung ein­zu­füh­ren. Auch ist abzu­war­ten, wie sich digi­ta­le For­ma­te bewäh­ren, denn als Kunst­his­to­ri­ke­rin plä­die­re ich nach wie vor für das Ori­gi­nal, ob nun in der Kunst, der Musik oder im Thea­ter. Wir benö­ti­gen das rea­le Gegen­über. Um dies zu erhal­ten, haben wir 2020 ein Hilfs­pro­gramm mit dem Namen „Unse­re SV hilft — Hel­fen Sie Ihrem Ver­ein“ gestar­tet. In der Sum­me haben wir 150.000 Euro an 100 Ver­ei­ne in Not im SV Geschäfts­ge­biet aus­ge­schüt­tet. Das Beson­de­re dar­an war, dass sich die SV Mit­ar­bei­ter für ihren eige­nen Ver­ein bewer­ben konn­ten. Damit setz­ten wir auf den Erhalt der kul­tu­rel­len Infra­struk­tur unse­rer eige­nen Kol­le­gen und ihren Regio­nen, in denen sie zu Hau­se sind. Her­aus kam ein brei­tes Spek­trum an Ver­ei­nen aus den Berei­chen Sozia­les, Sport und Kultur.

13.

Hel­mut Plate:

Eine letz­te Fra­ge: Die viel­schich­ti­ge und umfang­rei­che Arbeit der SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung bleibt ja doch mehr im Ver­bor­ge­nen. Ist das ein gewis­ses Under­state­ment?

Dr. Vere­na Titze-Winter

Um es offen zu sagen (schmun­zelt), oft wird ver­ges­sen oder nicht wahr­ge­nom­men, dass wir eine Ver­si­che­rung sind. Meis­tens lesen die Men­schen den ers­ten Wort­teil „Spar­kas­se“. Das ist natür­lich rich­tig, da wir ein Ver­bund­un­ter­neh­men der Spar­kas­sen-Finanz­grup­pe sind, doch mit einem Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men wird nicht gleich eine Kunst- und Kul­tur­för­de­rung ver­bun­den. Zudem ver­mei­den die öffent­li­chen Medi­en die Nen­nung der För­der­part­ner. Das ist oft sehr müh­sam, aber ein gän­gi­ges Pro­ze­de­re. In Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen höre ich hin­ter mir manch­mal den Satz, „…ach nun muss auch noch der Spon­sor spre­chen.“ Ich wür­de mir wün­schen, dass sich die Besu­cher ver­mehrt vor Augen füh­ren, dass ohne För­de­rung jeg­li­cher Unter­stüt­zer und Mäze­ne unse­re Kul­tur­land­schaft deut­lich ärmer wäre.
Doch wir selbst sind sehr aktiv in der Dar­stel­lung. Wir pos­ten bei­na­he wöchent­lich über Face­book die Ver­an­stal­tun­gen unse­rer Koope­ra­ti­ons­part­ner und haben eine sehr gute Home­page. Viel­leicht sind wir auch nicht so sicht­bar, weil wir mit dem gro­ßen Geschäfts­ge­biet von vier Bun­des­län­dern auch ein­fach in der Ver­tei­lung unse­rer Mit­tel quan­ti­ta­tiv weni­ger dicht auf­tre­ten. Den­noch freue ich mich, in Kas­sel und Nord­hes­sen auch 2021 wie­der zahl­rei­chen Insti­tu­tio­nen mit der SV Kunst- und Kul­tur­för­de­rung zur Sei­te zu stehen.

Mehr als 250 Jah­re SparkassenVersicherung

Die SV hat eine mehr als 250jährige Geschich­te. Die Ursprün­ge lie­gen in den sechs Gebäu­de­ver­si­che­rungs­an­stal­ten der jewei­li­gen Län­der. Das waren ursprüng­lich Feu­er­ver­si­che­run­gen, die die Herr­scher als Teil der Daseins­für­sor­ge für ihre Unter­ta­nen gegrün­det haben. Die ältes­te Wur­zel der SV ist die badi­sche Gebäu­de­brand­ver­si­che­rungs­an­stalt, die der dama­li­ge Mark­graf und spä­te­re Groß­her­zog Carl Fried­rich von Baden 1758 gegrün­det hat. Die heu­ti­ge SV mit sei­nem Stand­ort in Kas­sel fei­er­te 2017 ihr 250-jäh­ri­ges Bestehen. In die­ser lan­gen His­to­rie spiel­te auch Kunst und Kul­tur immer eine Rolle