Kultur

trifft
Leerstand

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Ist das die Renais­sance der Kas­se­ler Innen­stadt?
Kunst als Schlüs­sel zur urba­nen Wiederbelebung.

Inmit­ten der Stadt herrscht ein enor­mer Leer­stand, da vie­le Geschäf­te häu­fig infol­ge der Pan­de­mie ohne neue Mie­ter schlie­ßen muss­ten. Die zuneh­men­de Ver­ödung von Fuß­gän­ger­zo­nen und Innen­städ­ten berei­tet Exper­ten nicht erst seit Coro­na gro­ße Sor­gen, unab­hän­gig von der geo­gra­fi­schen Lage. 

© Gra­fik: Ame­lie Noll, Stadt Kassel

Ein­kaufs­zen­tren, klei­ne­re Dör­fer oder auch grö­ße­re Stadt­zen­tren sind glei­cher­ma­ßen betrof­fen. Haupt­ur­sa­che für den Leer­stand ist das sich ver­än­dern­de Ein­kaufs­ver­hal­ten: Online-Käu­fe sind seit lan­gem beliebt und wur­den durch die Coro­na-Pan­de­mie wei­ter ver­stärkt. Klei­dung, Schu­he, Acces­soires und Geschen­ke sind bequem von zu Hau­se aus zu bestel­len. Die Ener­gie­kri­se und Infla­ti­on ver­schlim­mern die Situa­ti­on noch zusätzlich.

Wege aus die­ser Abwärts­spi­ra­le zu auf­zu­zei­gen, ist eine der zen­tra­len Ideen des Pro­jekts „Kul­tur trifft Leer­stand“. Im Fokus der Bemü­hun­gen sol­len der Initia­ti­ve nach in ers­ter Linie die Innen­stadt­ent­wick­lung und eine Bele­bung und Stei­ge­rung der Attrak­ti­vi­tät der Innen­städ­te stehen.

Im Rah­men der „Kul­tur­kon­zep­ti­on Kas­sel 2030“ wur­de 2022 das Fes­ti­val „Kul­tur trifft Leer­stand“ als Kul­tur­pro­jekt ins Leben geru­fen, um der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wie Kul­tur zu einer zukunfts­fä­hi­gen Nut­zung der Kas­se­ler Innen­stadt bei­tra­gen kann. Finan­ziert wird das Pro­jekt aus Mit­teln des Hes­si­schen Lan­des­pro­gramms „Zukunfts­fä­hi­ge Innen­städ­te“, des Kul­tur­de­zer­nats und der Wirt­schafts­för­de­rung Regi­on Kas­sel. Und das Pro­jekt wur­de auch bereits für 2024 mit einer Unter­stüt­zung des Bun­des gesichert.

Das inspi­rie­ren­de Zusam­men­spiel von Wirt­schaft und Kul­tur bringt Kunst und Kul­tur in leer­ste­hen­de Geschäfts­räu­me der Innen­stadt und erprobt damit neue Nut­zungs­kon­zep­te. „Kul­tur trifft Leer­stand“ ermög­licht künst­le­ri­sche Inter­ven­tio­nen in leer­ste­hen­den Laden­lo­ka­len im Kas­se­ler Innen­stadt­be­reich und eröff­net so neue Per­spek­ti­ven auf die­se zen­tra­len Orte.

Kul­tur­de­zer­nen­tin Susan­ne Völ­ker beton­te die Bedeu­tung des Pro­jekts als „wich­ti­gen Bei­trag für eine leben­di­ge und zukunfts­fä­hi­ge Innen­stadt“. Die eigens für die Aus­stel­lung ent­wi­ckel­te Kunst zeigt kul­tu­rel­le Nut­zungs­mög­lich­kei­ten auf und macht die Räu­me auch für ein neu­es Publi­kum attraktiv.

Das Pro­jekt eröff­net neue Sicht­wei­sen auf leer­ste­hen­de Gewer­be­flä­chen in der Kas­se­ler Innen­stadt und hat bereits vie­le Künst­ler und Kul­tur­schaf­fen­de ange­zo­gen, die ihre Wer­ke und Ideen in den Räu­men zei­gen und die leer­ste­hen­den Räu­me nut­zen möch­ten um ihre Kunst einem neu­en Publi­kum zu prä­sen­tie­ren und damit auf gesell­schaft­li­che Pro­ble­me auf­merk­sam zu machen.

Schon ab dem 13. Juli 2023 wur­den die unge­nutz­ten Räum­lich­kei­ten in der Köl­ni­schen Stra­ße 19 einer neu­en Bestim­mung zuge­führt und für eine Viel­zahl von Stu­den­ten-Work­shops genutzt. Einer die­ser Work­shops, gelei­tet von Nina Beh­boud, beschäf­tig­te sich mit dem The­ma “Kör­per in der Stadt” und setz­te dabei auf die Tech­nik der Col­la­ge­kunst. Die Teil­neh­mer hat­ten die Gele­gen­heit, die Stadt aus einer ganz neu­en Per­spek­ti­ve zu erle­ben. Die Kera­mi­ke­rin Chris­ti­ne See­fried nutz­te ihre Exper­ti­se, um mit den Teil­neh­mern das The­ma “Die Stadt als Mate­ri­al­er­fah­rung” zu erkun­den, wäh­rend die Künst­le­rin Lis­ka Schwer­mer-Fun­ke den Work­shop zum The­ma “Natur­er­le­ben in der Stadt — STADT_NATUR_WIR” betreute.

Elkin Kut­luer, Kul­tur­de­zer­nen­tin Susan­ne Völ­ker | © Foto: Kai Frommann

Die zwei­te Aus­ga­be von „Kul­tur trifft Leer­stand“, kura­tiert von Sarah Metz, star­te­te nun offi­zi­ell am Don­ners­tag den 20. Juli um 18 Uhr mit einer Aus­stel­lungs­er­öff­nung und anschlie­ßen­dem Rund­gang durch die drei bespiel­ten Leer­stän­de, die in den kom­men­den 10 Tagen bespielt werden.

Die Eröff­nung der wirk­lich beein­dru­cken­den und abso­lut sehens­wer­ten Initia­ti­ve war ein vol­ler Erfolg und über­traf aller Erwar­tun­gen. Vie­le Men­schen kamen, um Kunst anzu­se­hen und mit den Künstler*Innen dar­über zu spre­chen. Es war über­ra­schend, wie posi­tiv die Reak­tio­nen waren.

Elkin Kut­luer
Thea­ter­stra­ße 3

 © Foto: Kai Frommann

Die Kul­tur­de­zer­nen­tin Susan­ne Völ­ker eröff­ne­te die Akti­on „Kul­tur trifft Leer­stand“ um 18 Uhr in der Thea­ter­stra­ße 3, wo die Künst­le­rin Elkin Kut­luer, die in der Klas­se Slo­ta­wa der Kunst­hoch­schu­le Kas­sel stu­diert, Ihre Fund­stü­cke Arbei­ten „Sand im Getrie­be“, in der sie das Zusam­men­spiel von Zeit, Bewe­gung und den dadurch ent­ste­hen­den Zer­fall zeigt, prä­sen­tier­te. 7 Plat­ten­spie­ler spie­len 7 Tage lang und jeden Tag wird es einer weni­ger, zer­stört durch den auf Plat­ten­spie­ler und Schall­plat­te rie­seln­den Sand. Die Künst­le­rin möch­te auf die glo­ba­len Umwelt­kri­sen durch den über­mä­ßi­gen Abbau von Sand auf­merk­sam machen.

 © Fotos: Kai Frommann

Kat­ja Lon­zeck und Char­lot­te Stamm
Königs­stra­ße 44

 © Foto: Kai Frommann

Danach ging um 19 Uhr mit kunst­in­ter­es­sier­ten Gäs­ten des Rund­gangs in die Unte­re Königs­stra­ße 44 wei­ter, wo die Künst­le­rinnen Kat­ja Lon­zeck und Char­lot­te Stamm mit der Per­for­mance Kshhhhh über den Spie­gel der Gesell­schaft aus der Per­spek­ti­ve einer Stadt­tau­be, beein­druck­ten. Stadttau­ben wer­den von den Men­schen ent­we­der geliebt oder gehasst. Durch ihre stän­di­ge Anwe­sen­heit ist die Stadt­tau­be nun „Exper­tin der Stadt und ihrer mensch­li­chen Bewohner*innen gewor­den“ und spie­gelt deren Verhalten.

© Foto: Son­ja Rossettini

Pau­la Mier­zow­sky und Janosch Fei­er­tag
KurtSchu­ma­cher Stra­ße 31

 © Foto: Kai Frommann

Pau­la Mier­zow­sky und Janosch Fei­er­tag stel­len ihre Raum­in­stal­la­ti­onWald­meis­ter Tem­pel Sale in der KurtSchu­ma­cher Stra­ße 31 in einer sur­rea­len, ein­zigarti­gen Atmo­sphä­re aus und befas­sen sich mit einer iro­ni­schen Note des Aus­ver­kaufs mit Kult­stätten des Konsums, Wer­te­ver­fall und dem Bedürf­nis nach Halt und Zuspruch durch Natur und Spi­ri­tua­li­tät. Frö­sche die­nen hier als Sym­bo­le für die Natur und das Leben und erin­nern uns dar­an, wie wich­tig es ist, die Umwelt zu schüt­zen und zu repsektieren.

Pau­la Mier­zow­sky und Janosch Fei­er­tag | © Foto: Son­ja Rossettini

© Foto: Son­ja Rossettini

 © Foto: Kai Frommann

 © Foto: Kai Frommann

Vie­le Besu­che­rin­nen und Besu­cher sag­ten, dass sie durch die Aus­stel­lung einen neu­en Blick auf die leer­ste­hen­den Räu­me bekom­men hätten. Statt sie als tris­te Lücken in der Innen­stadt zu sehen, sahen sie nun die Mög­lich­keit, sie als krea­ti­ve Orte zu nut­zen. Und die betei­lig­ten Künstler*Innen waren natür­lich glück­lich, dass sie durch das Pro­jekt „Kul­tur trifft Leer­stand“ nicht nur ihre Kunst zei­gen konn­ten, son­dern auch dazu bei­tra­gen, die Sicht­wei­se auf die Innen­stadt zu ver­än­dern. Wenn vie­le Men­schen sich enga­gier­ten, könn­ten auch schein­bar unge­nutz­te Flä­chen zu Orten der Begeg­nung und Inspi­ra­ti­on werden.

Die Initia­ti­ve zeigt auch: Städ­te und krea­ti­ve Sze­nen – das gehört zusam­men. Und: Städ­te ver­än­dern sich. Sie sind leben­di­ge Systeme.

In Zei­ten, in denen die Welt immer mehr aus den Fugen zu gera­ten scheint und in denen die Gesell­schaft immer stär­ker an den Struk­tu­ren unse­res Daseins zerrt, wer­den Kunst und Kul­tur immer bedeut­sa­mer. Wenn die Welt unüber­sicht­li­cher wird, brau­chen wir erst recht Orte, die Ori­en­tie­rung geben und Begeg­nung ermöglichen.

Und wenn krea­ti­ve Köp­fe und Künst­ler sich in einem Stadt­vier­tel nie­der­las­sen, weil es dort noch erschwing­li­chen Wohn- oder Ate­lier­raum gibt, hat dies Aus­wir­kun­gen auf die Umge­bung. Neue Ange­bo­te ent­ste­hen in Form von klei­nen Gale­rien, Design-Läden und Clubs, die der krea­ti­ven Sze­ne fol­gen.

Es ist des­we­gen rat­sam, ins­be­son­de­re in städ­ti­schen Gebie­ten, Kunst, Kul­tur und die Krea­tiv­wirt­schaft in die Über­le­gun­gen zur Stadt­ent­wick­lung mit­ein­zu­be­zie­hen. Denn das Wesen der Urba­ni­tät besteht dar­in, ver­schie­de­ne Nut­zungs­ar­ten wie Gewer­be, Woh­nen, Arbeit und Frei­zeit zu mischen. Sozia­le und kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen tra­gen maß­geb­lich zum Wohl­be­fin­den der Bewoh­ner und einer funk­tio­nie­ren­den Nach­bar­schaft bei. Es ist daher im wohl­ver­stan­de­nen Eigen­in­ter­es­se von Pro­jekt­ent­wick­lern und Inves­to­ren, die­se Aspek­te zu berücksichtigen. 

Wenn sich Poli­tik oder Stadt­pla­nung des­we­gen ent­schlie­ßen, Kul­tur expli­zit in ihre Pla­nun­gen ein­zu­be­zie­hen, geschieht dies oft mit dem Ziel, ein Vier­tel auf­zu­wer­ten, Ver­än­de­rungs­pro­zes­se zu beglei­ten, Akzep­tanz zu errei­chen, die Nach­bar­schaft zu stär­ken oder die Inte­gra­ti­on vor­an­zu­trei­ben. All die­se Ziele sind ehren­wert und posi­tiv, aller­dings sind sie auch mit einer beson­de­ren Ver­ant­wor­tung ver­bun­den: die Ver­ant­wor­tung für einen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, der häu­fig Sor­gen und Ängs­te aus­löst. Wan­del ist seit jeher ein ambi­va­len­tes The­ma zwi­schen Hoff­nung und Unsi­cher­hei­ten.

[ Von Son­ja Rosettini ]

Die Öff­nungs­zei­ten der der Aus­stel­lun­gen sind am 21. und 22. Juli 2023 sowie vom 26. bis 29. Juli 2023 von jeweils 15 bis 19 Uhr.
Die Per­for­mance in der Unte­ren Königs­stra­ße 44 fin­det jeweils von 17 bis 19 Uhr statt.
Ein­tritt frei.